Die „Cambrische Explosion“ war eine Implosion
OpenAI hatte Sora erstmals im Februar 2024 als Forschungs-Preview vorgestellt – beeindruckende Demos von Mammuts im Schnee und cineastischen Straßenszenen in Tokio. Im Dezember 2024 folgte eine erste öffentliche Version. Doch der große Wurf sollte Sora 2 werden: Im September 2025 launchte OpenAI die eigenständige Sora-App mit dem Versprechen einer „Cambrischen Explosion der Kreativität“. Text eingeben, Video raus. Jeder ein Filmemacher. Die App schoss in die Top-Charts des App Store, die Downloads gingen durch die Decke.
Sechs Monate später die Realität: Am 24. März 2026 hat OpenAI Sora komplett eingestellt – App, Modell und API. App und Website werden am 26. April abgeschaltet, die API folgt im September. Was als kreative Revolution gestartet ist, endet als teures Experiment – und als Lehrstück für die gesamte Branche.
Was ist passiert? Ein Feed voller AI-Slop
Statt einer kreativen Revolution hat Sora 2 einen endlosen Feed aus AI-Slop produziert. Deep-Fried-Baby-Videos, SpongeBob beim Meth-Kochen, Pikachu beim ASMR. Die „Cameo“-Funktion, mit der Nutzer ihre eigenen Gesichter in Videos einbauen konnten, wurde zur Deepfake-Maschine: Videos von Martin Luther King Jr. und Robin Williams tauchten auf – so geschmacklos, dass beide Familien öffentlich dagegen vorgehen mussten.
Die Nutzerzahlen erzählen den Rest der Geschichte: Nach einem Peak von rund 3,3 Millionen Downloads im November 2025 brach die Nutzung bis Februar auf gut eine Million ein. Die aktiven Nutzer fielen von einer Million auf unter 500.000. Insgesamt hat die Sora-App über ihre gesamte Laufzeit rund 2,1 Millionen Dollar durch In-App-Käufe eingenommen. Zum Vergleich: ChatGPT hat 900 Millionen wöchentliche Nutzer.

Eine Million Dollar – pro Tag – für nichts
Hinter den Kulissen war Sora ein finanzielles Desaster. Laut Wall Street Journal verbrannte die App rund eine Million Dollar pro Tag an Rechenkosten. Analysten von Forbes schätzten die tatsächlichen GPU-Kosten sogar auf bis zu 15 Millionen Dollar täglich – etwa 5 Milliarden Dollar im Jahr. Ein einzelner zehn Sekunden langer Clip kostete OpenAI circa 1,30 Dollar an Rechenleistung.
Sora-Chef Bill Peebles hat das Problem bereits im Oktober 2025 offen eingestanden: Die Wirtschaftlichkeit sei „completely unsustainable“ – völlig unhaltbar. Das war kein Understatement. Jede GPU, die ein Sora-Video renderte, stand nicht für ChatGPT-Anfragen, Coding-Aufgaben oder Enterprise-API-Calls zur Verfügung. Und genau diese Produkte verdienen das Geld.
„Wenn ein Produkt täglich Millionen verbrennt, aber nur Millionen über seine gesamte Lebensdauer einnimmt, dann ist das kein Geschäftsmodell – das ist ein Hobby mit Serverkosten.“, so Ingo Lücker, Gründer der KI LEAGUE.
Disney: Eine Milliarde Dollar – und dann der Anruf
Das Timing der Abschaltung offenbart, wie abrupt die Entscheidung fiel. Drei Monate lang hatten OpenAI und Disney an einer Partnerschaft gearbeitet: Über 200 Disney-, Marvel-, Pixar- und Star-Wars-Charaktere sollten auf Sora verfügbar werden. Im Gegenzug plante Disney eine Milliarden-Dollar-Beteiligung an OpenAI. Teams beider Unternehmen arbeiteten noch in derselben Woche zusammen.
Dann kam der Anruf. Laut Wall Street Journal erfuhr Disney weniger als eine Stunde vor der öffentlichen Ankündigung von der Einstellung. Kein Geld war geflossen, der Deal war sofort tot. Disneys Statement war diplomatisch, aber eindeutig: Man respektiere OpenAIs Entscheidung, „das Geschäft mit Videogenerierung zu verlassen“.
Für jedes Unternehmen, das auf KI-Partnerschaften setzt, ist das ein Warnschuss: Selbst Milliarden-Dollar-Deals können über Nacht platzen, wenn sich die strategischen Prioritäten des Anbieters ändern.
Der eigentliche Grund: Codex braucht die GPUs
OpenAI kommuniziert offiziell, dass das Sora-Forschungsteam sich künftig auf „Weltsimulation für Robotik“ konzentrieren werde. Klingt strategisch. Ist es vielleicht sogar. Aber die eigentliche Wahrheit ist schlichter: Die GPUs werden woanders gebraucht.
Während Sora Millionen verbrannte, hat Anthropic mit Claude Code den Enterprise-Coding-Markt aufgerollt. Claude Code erreicht laut Branchentrackern einen annualisierten Umsatz von 2,5 Milliarden Dollar und verzeichnet täglich 135.000 GitHub-Commits. Daten von Ramp zeigen: Anthropics Marktanteil bei Business-KI-Rechnungen ist innerhalb eines Jahres von 10 auf über 60 Prozent gestiegen. OpenAIs Anteil fiel im gleichen Zeitraum von fast 90 auf rund 35 Prozent.
OpenAI hat mit Codex gegengesteuert: Über 1,6 Millionen wöchentlich aktive Nutzer, Unternehmen wie Cisco, Nvidia und Rakuten setzen es ein. CEO Sam Altman hat die Konsequenz gezogen: Sora killen, Rechenkapazität freischaufeln, alles auf Codex und Enterprise-Produkte setzen.
„Das Sora-Aus ist kein Scheitern an der Technologie – es ist eine knallharte Prioritätsentscheidung. OpenAI hat verstanden, dass der Kampf um Enterprise-Coding wichtiger ist als ein Social-Media-Experiment mit KI-Videos. Für IT-Dienstleister ist genau diese Verschiebung das Signal, auf das sie achten sollten.“, so Ingo Lücker, Gründer der KI LEAGUE.
Aufräumen vor dem Börsengang
Es gibt noch einen weiteren Elefanten im Raum: OpenAI bereitet einen Börsengang vor. Die Bewertung liegt nach der jüngsten Finanzierungsrunde von über 120 Milliarden Dollar bei rund 840 Milliarden Dollar. Der IPO wird für Ende 2026 erwartet – möglicherweise der größte Tech-Börsengang der Geschichte.
Vor diesem Hintergrund ist das Sora-Aus auch Bilanzkosmetik: Ein Produkt, das schätzungsweise 5 Milliarden Dollar im Jahr an Rechenkosten verschlingt und gerade einmal 2 Millionen Dollar Umsatz generiert hat, macht sich in keinem Prospekt gut. Fidji Simo, die neue Leiterin der Anwendungssparte, treibt die Fokussierung auf Produktivitätstools und Geschäftskunden konsequent voran.
Analysten von PitchBook bewerten OpenAI trotz der höchsten Bewertung unter den KI-IPO-Kandidaten als das schwächste bei den Business-Fundamentaldaten. Der Druck, vor dem Börsengang Ordnung zu schaffen, ist enorm.
Was das für IT-Dienstleister bedeutet
Die Sora-Geschichte ist mehr als eine Anekdote über ein gescheitertes Produkt. Sie enthält drei konkrete Lehren für IT-Dienstleister:
Vendor Lock-in ist realer denn je. Professionelle Creator, die Sora in ihre Produktionspipelines integriert hatten, stehen jetzt vor dem Nichts. Wer KI-Tools in Kundenprojekte einbaut, braucht Exit-Strategien und Multi-Vendor-Ansätze. Immer.
Die GPU-Ökonomie bestimmt die Produktstrategie. Rechenleistung ist die härteste Währung der KI-Branche. Wenn ein Anbieter entscheiden muss, ob er GPUs für ein verlustbringendes Consumer-Produkt oder ein margenstarkes Enterprise-Tool einsetzt, gewinnt immer das Enterprise-Tool. Das verändert, welche Produkte langfristig überleben.
Enterprise-Coding ist das Schlachtfeld. Der Wettbewerb zwischen OpenAI Codex und Anthropic Claude Code definiert gerade, wer die nächste Generation von Softwareentwicklung dominiert. IT-Dienstleister, die Coding-KI für ihre Kunden evaluieren, sollten beide Plattformen kennen – und verstehen, wie sich der Markt verschiebt.
Was jetzt sinnvoll ist – und was nicht
Sinnvoll:
- KI-Video-Projekte nicht auf einen einzelnen Anbieter wetten. Google Veo, Runway und Luma AI sind weiterhin aktiv – aber auch diese Anbieter kämpfen mit denselben ökonomischen Grundproblemen.
- Die Entwicklung im Enterprise-Coding-Markt aktiv verfolgen. Hier passiert gerade die echte Disruption.
- Kunden proaktiv über die Risiken von KI-Vendor-Lock-in beraten. Das ist eine Beratungsleistung, die Vertrauen schafft und sich verkauft.
Nicht sinnvoll:
- KI-Video-Generierung als gescheitert abschreiben. Die Technologie funktioniert – das Geschäftsmodell noch nicht.
- Davon ausgehen, dass die eigenen KI-Tools automatisch stabil bleiben. Was bei Sora passiert ist, kann bei jedem KI-Produkt passieren, das seine Rechenkosten nicht deckt.
KI LEAGUE Live Talk: Einordnung statt Hype
Wenn dich die Frage beschäftigt, wie KI-Produkte wirklich einzuordnen sind – was bleibt, was verschwindet, und worauf du als IT-Dienstleister setzen solltest – dann ist der nächste KI LEAGUE Live Talk genau dafür gedacht. Kein Marketing, keine Buzzwords, sondern validierte Einordnung von den Themen, die dein Geschäft betreffen. Kostenlos. Für IT-Dienstleister und Systemhäuser.
Hier anmelden: https://www.kileague.de/live-erleben
Die KI LEAGUE ist der Ort für IT-Dienstleister, die KI nicht hypen, sondern verstehen wollen. Die Plattform für Einordnung, Austausch und Orientierung – jenseits von Buzzwords und Herstellerversprechen.
Mehr erfahren: https://www.kileague.de
Quellen
- TechCrunch – Why OpenAI really shut down Sora
- Variety – OpenAI Will Shut Down Sora; Disney Drops Plans
- CNN – OpenAI is shutting down its Sora video app
- TechCrunch – OpenAI’s Sora was the creepiest app on your phone
- Fortune – Why Codex is at the heart of OpenAI’s plans
- OpenAI Help Center – Sora Discontinuation

.jpeg)



